Aus der Schreibwerkstatt (August 2019)

Ausschnitt aus dem in Arbeit befindlichen Roman "Die Wegwerfwelt" (1. Teil, Ein blauer Tag)









(Stand: 24.8.19.)



Am frühen Morgen des 1. Januar 2000, im Aufbruch ins letzte Jahr des Millenniums (notabene einem Tag, den jedermann, überreizt und verführt durch die Zahlen, als Beginn eines neuen Jahrtausends missverstand), fuhr der neunundzwanzigjährige Max N., promovierter Jurist und seit einem Jahr Referent im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus, lange vor Tagesanbruch durch das Dunkel der Münchner Vororte von einem Fest nach Hause, behelligt (wenn auch in unterschiedlichem Maß) von schwankenden Gestalten in den Straßen, ebenso schwankenden flüchtigen Bildern der durchfeierten Nacht und der Angst vor Verkehrskontrollen, die zu scheuen er Grund hatte – wie fast alle, die an diesem Morgen (aus dem ein stiller, blauer Wintertag werden wollte) mit dem Auto unterwegs waren.

Gefeiert hatte man in Stockdorf, sechzig, siebzig Leute, um die zwanzig waren immer noch da. Max trat ins Freie (es roch nach Reihenhäusern und erbrochenem Bier), er streckte sich, sog die Morgenkälte ein, die böig vom Fluss her wehte (die Würm, die sich hinter den Häusern leise durch die Dunkelheit gurgelte). Er ließ den Lärm zurück, das Gequatsche, die Musik, er hatte genug. Wo stand das Auto? Sein Stolz, den er nur selten aus der Garage holte (meistens fuhr er mit der S-Bahn in die Stadt): froschgrün (bei Tageslicht), vierzig Jahre alt und zu dieser Stunde in fraglos besserem Zustand als sein Fahrer. Der Grund, weshalb er an diesem Tag mit dem Veteran unterwegs war, bestand (wieder einmal) in dessen Reparaturanfälligkeit, an der Kraftstoffpumpe gab es etwas zu beheben, er konnte nicht alles selber machen. Faruk, der Schrauber seines Vertrauens, hatte seine Werkstatt in Pasing, in einem Hinterhof (dabei war das Etablissement alles andere als eine Hinterhofwerkstatt, jeder Schraubenschlüssel, jedes Ersatzteil, lag oder hing an seinem Platz, alles blitzte und blinkte, der Laden war geradezu klinisch sauber und immer tadellos aufgeräumt). Faruk, heftiger Liebhaber alter Autos, war der einzige, dessen Händen Max das Goldstück überließ (auch wenn er dafür jedes Mal bis an den westlichen Stadtrand fahren musste). Es gab wenige Menschen, die wie Faruk alte Autos schätzten und sogar bereit waren auch mal samstags an ihnen zu arbeiten. (Max tat immer gekränkt, wenn jemand den Wagen den DKW nannte – es war ein Auto Union 1000 S de Luxe Coupé mit Scheibenbremsen und Panoramascheibe, das absolute Topmodell von 1959, ein bildschöner, völlig unkorrekter Zweitakter, er liebte das blaue Wölkchen paffende Rönn-dön-dön-dön). Es war widerlich kalt, er würde frieren in dem alten Ding (was tagsüber weniger ins Gewicht fiel, die nächtliche Fahrt war nicht geplant). Immerhin lag kein Schnee, hier wenigstens. Um nach Hause zu kommen, musste er die Isar überqueren, er wohnte in Deining. Am schnellsten führe er über Forstenried und die Starnberger Autobahn zur Schäftlarner Brücke, allerdings war dieses Autobahnstück eins der bestüberwachten im Freistaat (wie er immer wieder feststellte). Natürlich war es bescheuert, mit dem Auto zu einer Silvesterfeier zu fahren. Er hatte nicht vorgehabt, nachdem er das Auto geholt hatte, noch etwas zu unternehmen, das neue Jahr (Jahrhundert, Jahrtausend) hätte gern ohne ihn anfangen können. Das Datum spielte keine Rolle, unausweichlich würde das Jahr Entscheidendes bringen (ihn fröstelte, die gefühlte Temperatur fiel um zwei Grad): die Vereidigung zum Beamten auf Lebenszeit stand bevor, zwei Monate noch und er wäre Regierungsrat (nicht schlecht für den Anfang), und das bloß, weil er seinen Doktor mit Ach und Krach hingekriegt hatte, über Literarisches hatte er geschrieben, Eichendorff und die andern, das hatte er noch hinübergerettet. Auf Lebenszeit klang freilich nach lebenslänglich – doch das hatte er mit sich ausdiskutiert. Dann war ihm auf dem Heimweg (er war schon in Solln) das Fest bei Filippo eingefallen, seinem Freund (und Arzt), den er noch von der gemeinsamen Zeit bei der freiwilligen Feuerwehr kannte und der im letzten Sommer Teilhaber einer Gemeinschaftspraxis geworden war. Auch so ein Aufsteiger. Er könnte vorbeischauen – vielleicht ist Els da! Der Gedanke hatte ihn (wie immer) für einen Moment aus dem Takt gebracht. Els, die mit ihm Literatur studiert hatte, bis er auf Jura umgestiegen war. Wegen Els‘ Vater. Letztendlich war Els schuld. Sie war sowieso an allem schuld. Sie hatte über Rilke gearbeitet, Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht. Man fühlt den Wind von einem großen Blatt. Und noch bevor sein Jahrhundert gegangen war, war Els gegangen. Ein Jahr oder so hatte er sie nicht mehr gesehen. Els! Sie war wirklich gegen elf aufgetaucht (eine Schar Verehrer im Schlepp), um Mitternacht war man (natürlich) einander um den Hals gefallen, pünktlich waren irgendwo ein paar Sektgläser zu Bruch gegangen, und jemand hatte einen Walzer aufgelegt (wieder schüttelte es ihn). Gegen zwei war Els gegangen, mit einem der Fans (rücksichtslos knutschend). Max hatte vielleicht zehn Minuten, alles zusammengenommen, mit ihr geredet.

Er könnte den Weg nehmen, den er immer fuhr, wenn er aus dem Westen kam, über Solln und die Grünwalder Brücke. Er verwarf den Gedanken, zu gefährlich, zu nah an der Stadt. Am sichersten wäre – weit draußen – die Wolfratshauser Brücke (Vroni war aus Wolfratshausen, sie war mit Horst auf dem Fest erschienen und mit ihm wieder verschwunden, aber sie war sowieso zweite Wahl), nur: Wolfratshausen war ein elender Umweg, wenn man nichts wie (allein) ins Bett wollte. Und wenn er diese heikle Autobahn meiden wollte, müsste er über Starnberg fahren: kein sicheres Gebiet, gerade Starnberg! Vor zwei Wochen hatten ihn die Starnberger blasen lassen, nullkommavier, Glück gehabt. Summer surprised us, coming over the Starnbergersee with a shower of rain, die Literatur hatte ihn jedenfalls nicht (wie Els) verlassen (um diese Jahreszeit kam vom See her freilich eher Nebel). Über Dichterjuristen hatten sie ihn promovieren lassen, das immerhin, Verhaeren und so. Eichendorff. Und Saint-John Perse! – Jeunes femmes! et la nature d’un pays s’en trouve toute parfumée … was hatte Els immer gut gerochen – nach Veilchen. Oder war’s Flieder? Und Carol hatte mit einem Typen, den er nicht kannte, rumgemacht (ein Ami, wie sich das Gelaber angehört hatte). Alles in allem eine bescheuerte Fete, das hätte er sich sparen können. Zwei, drei andere wären noch infrage gekommen, allenfalls, er wusste keine Namen. Alle zweite Wahl, höchstens. Wobei: zweite Wahl würde irgendwie zu ihm passen (es lachte in ihm auf), in seinem Leben war alles zweite Wahl, das Studium zum Beispiel. Er hatte gewechselt, weil Els‘ Vater ihm in Aussicht gestellt hatte, irgendwann in die Kanzlei einzusteigen, der Vater hatte ihn gemocht. Jura wäre kreativ, man könne viel bewirken, Gutes tun, bla bla. Als es dann vor drei Jahren mit Els vorbei war, hatte sich auch der Kontakt zum Vater abgekühlt, logisch, im Studium war er aber schon so weit, dass er es nicht mehr abbrechen wollte. Und inzwischen konnte er der Juristerei sogar einiges abgewinnen, das mit der Kreativität war nicht falsch. Dann eben in irgendein Amt, erst mal. Beim Staat. Und? War doch o.k. für den Anfang, Regierungsrat und so. Die Literatur konnte er nebenbei betreiben (wäre als Beruf eh brotlos gewesen), die war dann halt jetzt die zweite Wahl (wieder Aufgelächter). Bitteres stieß ihm auf (er hatte allerhand durcheinandergegessen). Zum Schluss hatte ihn diese Schwatzblase (Gesine oder wie sie hieß) noch angebaggert, (das Make-up nicht mehr unbeschädigt, wie die ganze Person), nicht sein Typ, überhaupt nicht (dürr wie die war), trotzdem war er nahe daran gewesen ihr nachzugeben (getrunken hatte er hinreichend). Wenn schon nicht Els (Els, das hatte wehgetan). Oder wenigstens Vroni. Oder Carol. Als unordentlicher Figurentanz traten sie in der dunklen Straße zwischen den ahnungs- und lieblosen Eigenheimen vor ihm auf. Die Schäftlarner Brücke war sicher am besten, die Autobahn musste er nicht zwingend nehmen, er kannte sich aus. Er konnte sich auf Schleichwegen an die Brücke heranmachen (bei einer Brücke wird’s wohl klappen), von Leutstetten führte ein schmales Waldsträsschen an der Schwaig vorbei nach Wangen. Und von da nach Schäftlarn und über die Isar. So könnte es gehen. Gar so übel war die Gisa (oder so) zuerst nicht, ein bisschen jung vielleicht (ob die schon achtzehn war?) und etwas ordinär. Erheblich blau auch (aber das waren alle). Eine Macke hatte sie, so wie die drauf war. Wie heißt du was studierst du (er studierte schon lange nichts mehr, das sah man doch) was machst du woher kennst du Filippo haben wir uns nicht schon mal im Dingsda gesehen. Nur Scheiß ohne Punkt und Komma. Bestimmt hatte sie was genommen. Hätte ja interessant werden können (was man so hört). Gepierct war sie auch, auf der Zunge und wer weiß, wo noch überall. Er hatte seine Fantasie spazierengeführt, während ihr Geblubber durch ihn hindurchperlte, und er sich (Typ hin, Typ her) in ihren entgegenkommenden Ausschnitt (mit Spurenelementen von Weiblichkeit) versenkte. Was sie wollte, war klar. Das hatte was. Nur hörte sie sich an, als würde sie die Nacht durchplappern. Und was für einen Mist sie daherredete. Er sah sich am folgenden Morgen (am Nachmittag) neben ihr aufwachen, Nettigkeiten absondern, sein Frühstück mit ihr teilen – mit einem Mal war er ernüchtert, fühlte sich geprellt. Post coitum animal triste, soweit reichte sein Latein noch. Das muss man nicht abwarten. Nicht viel, und ihm wäre schlecht geworden. Wie hatte er sich verabschiedet? Hatte er das überhaupt? Unerquicklich, wie gesagt, das Fest, und es entglitt ihm, kaum dass er die ersten Schritte die Straße hinunter getan hatte (wo er den DKW an der Ecke stehen sah). Alles kippte ins Dunkel, die Musik, das Geschwätz, die Figuren, Els, Vroni, Carol, Gisela (hieß sie Gisela? Quatsch, kein Mensch heißt heute Gisela). Er griff in die Hosentasche, fühlte den Autoschlüssel unter dem Taschentuch, zog ihn heraus (und traf auf Anhieb das Schlüsselloch). Irgendwo schrie jemand. Besoffenes Volk. Er öffnete die Tür, ließ seine Einmeterneunzig auf den Sitz fallen und schlug die Tür zu, dass es froschgrün in die Nacht schepperte, hey! Um Gauting herum müsste er wachsam sein, ganz ohne Risiko war auch diese Strecke nicht. Es war halb vier. Er fuhr los, auf Gauting zu.






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