Aus der Schreibwerkstatt (August 2019)

Ausschnitt aus dem in Arbeit befindlichen Roman "Die Wegwerfwelt" (1. Teil, Ein blauer Tag)









(Stand: 24.8.19.)



Er ist weg. Aufs Klo? (Sie wartet vier Minuten oder fünf. Raucht. Trinkt den Rest von seinem Bier, das noch da steht. Und den Whisky vom Nebentisch, an dem gerade keiner sitzt.) wo bleibt der idiot jetzt komm schon ich muss auch der ist scharf auf mich merk ich doch und wo steckt er jetzt (sie zündet sich noch eine an) ist er weg? glaub ich nicht geil wie der ist.

Echt weg das arschloch sowieso alles arschlöcher hier blöde idee herzukommen jetzt noch wo sie schon alle blau sind (ich auch was tut’s) und die scheißmusik was für girlies bloß der typ da der lange scheiße wie heißt er noch, einen kurzen namen hat er fritz oder max oder hans. nein hans nicht. wurscht. Weg ich glaubs nicht mal zum klo schauen ich muss eh oder ist er mit einer andern? nein hätt ich mitgekriegt was glaubt der wer er ist meint er kann mich einfach hier so sitzen lassen wieso ist der weg. ist ihm jetzt der arsch auf grundeis oder was hab ich das bübchen verschreckt ach gott freund, ich such dich und find dich und dann pack ich dich am arsch lieber gleich am schwanz da kannst du was erleben du willst doch was erleben oder hab ich doch gemerkt tu nicht so. haut einfach ab das gibt’s ja nicht warte nur. scheiße besetzt. vielleicht ist er … nein bloß sone dumme tussi. schnell jetzt. so ein vollgeiler typ wie groß der ist hach beachtlich an dem ist was dran der würd jetzt reinpassen. dumme sau vielleicht ist er ja noch irgendwo hier vor der tür. schifft in den vorgarten (oder reihert) hehe geniert sich aber nicht doch mama kümmert sich um dich wo bist du denn huuhu süßer.

Ist das scheißkalt und wie’s hier stinkt können die nicht woandershin seichen (sie rülpst in die kalt beleuchtete Gartenstadtöde) die luft tut gut huh da dreht sich die welt. kein schwein da weit und breit (wenn einer breit ist bins ich). doch da vorne an der ecke geht einer scheiße das ist er da ist er ja noch wo geht er hin steigt ein der will autofahren blau wie der ist ah das jüngchen leistet sich so einen herausgeputzten hochnoblen oldtimerkäfer chrom hinten und vorn das hat was gekostet die kutsche so herzurichten was. He warte! piekfeines kerlchen hat geld wie heu und so was entgeht mir nein der nicht. He! der hört mich nicht dich lass ich nicht so leicht aus das glaubst auch nur du dass du mir so davonkommst und wenn du besoffen wie du bist autofahren kannst kann ich das schon lange du pfeife da machst du mir nichts vor blöd werd ich sein und mir den jetzt durch die lappen gehen lassen. meine lappen wirst du kennenlernen du lapp. lappschwanz. na das werdn wir noch sehn wär ja gelacht.

(Ihr Auto steht nicht weit entfernt, schräg auf dem Gehsteig der anderen Straßenseite. Sie steigt ein, verblüffend sicher, geradezu elegant, greift sich die halbvolle Puschkinflasche vom Beifahrersitz, nimmt einen Schluck und belauert, was draußen geschieht.)

Tölzer kennzeichen umso besser also nicht in die Stadt der wird sich wundern da draußen wenn er aussteigt und ich bin auch da hase und igel haha viele hunde sind des hasen tod. hasenarsch. wart nur der hund bleibt dir auf den fersen. hündin. du hund. da wirst du augen machen wer zuletzt lacht. schnell bevor er weg ist. (Sie dreht das Radio an, birth control, endlich Musik, die ihr zusagt. Lärmend schlingert sie durch die Nacht. Was tut der Puschkin gut, der wärmt ihr das Herz und anderes.)

Wo fährt er denn jetzt hin in den wald? ja kerl ich fahr mit dir in den wald hey komm raus wir machens im wald. im stehn haha. geht sowieso nicht anders liegt ja schnee scheißfinster ist es hier wo wohnt der denn irgendwo in der pampa so finster und auch so bitterkalt hu, hu, da schaut eine alte Hexe raus, sie lockt die kinder ich lock dich in mein pfefferkuchenhaus wirst schon sehen geiler bock du, halt doch endlich mal an du musst doch auch irgendwann mal oder nicht nachdem was du gesoffen hast. ich jedenfalls. blöd dass überholen nicht geht (oder doch? Sie setzt an) scheiße nein. würd ihn gern ausbremsen hier im wald mir ist heiß fenster runter o nein jetzt fängts zum schneien an. der fährt nur nebenstraßen wird schon wissen warum ist mir grad recht o mist da unten sind die bullen hoffentlich fährt er da nicht runter. ach der ist viel blauer als ich. bläuer. ich verbläu dich wenn du jetzt nicht bald anhältst mir kommts gleich zu den ohren raus du sack. sonst vergehts mir das hast du dann davon schon wieder durch den wald bergab oha obacht jetzt ist das kurvig hier langsam langsam mädel wo fährt mich das aas bloß hin. und was ist das, ein schloss? hier sind wieder straßenlaternen scheißegal ich muss auf der stelle sonst zerreißts mich ich brunz denen jetzt aufn parkplatz (sie biegt auf den mit Bäumen bestandenen Platz ein, hält an, stiegt aus, hockt sich neben das Auto, gibt einen langen, lauten Seufzer der Errettung von sich) was schneit‘s jetzt so blöd und nebel hat’s auch so eine scheiße aber er kann ja auch nicht schneller.

(Sie zieht die Hose hoch und diesem Augenblick hört sie ein dumpfes Geräusch. Oder glaubt es zu hören. Wie ein fernes Poltern und Knacken. Ein Schleifen. Ein Klirren. Ganz matt, ganz fern, gebändigt vom Nebel. Was war das? Haben die im Schloss auch gefeiert? – oder Kloster, oder was das hier ist. Zu sehen ist nichts, natürlich nicht, Nebel über ihr, neben ihr, in ihr, auf der Straße die Spuren des Wagens, dem sie gefolgt ist. Ringsum Nacht, aber keine Stille, im Hirn quasselt es weiter und weiter. Das Denken – wenn man das, was in ihrem Kopf vor sich geht, so nennen mag – kommt ins Stolpern, endlich, reißt ab, verebbt, erlöscht. Kommt das von drüben, von der anderen Isarseite? Was eben noch Hitze in ihr war, verraucht, verfliegt. Fehlt noch, dass der an einen Baum gefahren ist, Depp, besoffener. In solchen Momenten würde man schlagartig nüchtern, heißt es. Davon bleibt sie verschont. In der Klosterküche wird eine Kaffeekanne auf den Boden gefallen sein. Oder so. Es ist ihr sowas von wurscht. Ihr ist speiübel, alles tanzt, der Nebel, die Brücke, die Spuren im Schnee, denen sie nachgefahren ist, die Bäume, die stehen, wo sie angehalten hat. Und jetzt? Hinüberfahren? Sie lehnt sich an einen schwankenden Baumstamm und kotzt. Die Hälfte fällt ihr auf die Schuhe.) Scheiße! (Gegenüber geht quietschend ein großes Gartentor auf. He, Sie! ruft es von drüben. Im Licht einer Straßenlaterne sieht sie eine Mönchsgestalt mit einer Schneeschaufel in der Hand, die Gestalt schickt sich an über die Straße zu ihr zu kommen. Das hat ihr gerade noch gefehlt) fick dich! hast nichts besseres zu tun als mich hier beim schiffen anzuglotzen hol dir doch einen runter scheißspanner blöder (sie schreit ihre Erbitterung hinüber, setzt sich ins Auto und fährt weiter). Kuttenbrunzer! bloß weg von da, bevor mich der noch … (sie fährt los, schnell noch einen Schluck Puschkin) was mach ich‘n jetzt ich kann doch so nicht rüberfahren wie das stinkt der dings will doch so nichts mehr von mir. ich auch nicht (den fernen Lärm hat sie wieder vergessen, war da was?) der kann sowieso nicht mehr der muss erst seine karre … (sie ist bodenlos betrunken; ein Stück die Straße hinunter, nicht mal einen Kilometer, ist auf der anderen Seite ein zweiter Parkplatz, sie fährt hinein, hält an, stellt den Motor ab. Auch das Licht auszuschalten meistert sie. Wieder vergeht ihr das Denken, bunte Bildchen schaukeln ihr durchs Gemüt: das Fest, der Typ mit dem kurzen Namen, der Käfer. Dann ist Feierabend, das Auto ist warm, die Blase leer, ebenso das Hirn. Eine abgrundtiefe Trägheit sickert in sie ein, narkotisiert sie. Ein letzter blinder Blick in den Nebel, dann fällt sie – mit offenem Mund – in einen todesgleichen Schlaf.)






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